Bei einer Elektrolyse werden an der Elektrode nicht immer die Stoffe abgeschieden, die man aufgrund der elektrochemischen Spannungsreihe erwarten würde. Um vorherzusagen, welche Reaktion tatsächlich abläuft, benötigt man das Konzept der Abscheidungspotentiale.
Aufgaben
- Machen Sie sich mit dem Konzept der Abscheidungspotentiale in M1 vertraut.
- Füllen Sie die Wertetabelle Tab. 2 in M2 aus. Beachten Sie hierbei, dass Sie die Abscheidungspotentiale an Graphit bei einem pH-Wert von 7 angeben sollen. Skizzieren Sie die Abscheidungspotentiale in Abb. 2 und markieren Sie den Bereich der Überpotentiale.
- Berechnen Sie die Zersetzungsspannung für eine wässrige Kupferchlorid-Lösung und erklären Sie, welche Gesamtreaktion bevorzugt abläuft.
Das Konzept der Abscheidungspotentiale
Abscheidungspotential und Überpotential
Als Abscheidungspotential EA bezeichnet man das Potential, das an einer Halbzelle anliegen muss, damit sich Ionen an der Elektrode abscheiden. An Platinelektroden entspricht das Abscheidungspotential dem Standardelektrodenpotential E0 aus der elektrochemischen Spannungsreihe. In der Praxis weicht es jedoch häufig davon ab: Diese Abweichung an einer einzelnen Elektrode bezeichnet man als Überpotential EÜ. Überpotentiale haben an der Anode ein positives und an der Kathode ein negatives Vorzeichen. Das tatsächliche Abscheidungspotential ergibt sich damit zu:
Überpotentiale treten bei allen Elektrolysereaktionen auf, sind aber besonders ausgeprägt, wenn gasförmige Produkte entstehen. Ihre Größe hängt von mehreren Faktoren ab:
- Der Art und Konzentration der abzuscheidenden Ionen
- Dem Elektrodenmaterial und dessen Oberflächenbeschaffenheit
- Temperatur, Druck und Stromdichte
Platiniertes Platin hat aufgrund seiner Oberflächeneigenschaften den geringsten Einfluss auf das Abscheidungspotential. Graphit ist zwar kostengünstiger, weist aber deutlich größere Überpotentiale auf.
Zersetzungsspannung und Überspannung
An der Anode werden stets die Teilchen mit dem kleinsten Abscheidungspotential oxidiert, an der Kathode die Teilchen mit dem größten Abscheidungspotential reduziert. Es läuft immer der Gesamtvorgang ab, der die kleinste Zersetzungsspannung EZ erfordert – also die Mindestspannung, die zum Betreiben der Elektrolyse nötig ist:
Oft stellt man in der Praxis jedoch höhere Zersetzungsspannungen fest, als die elektrochemische Spannungsreihe vermuten lässt. Die Differenz zwischen der berechneten Spannung und der gemessenen Zersetzungsspannung bezeichnet man als Überspannung. Sie ist die messbare Auswirkung der Überpotentiale beider Elektroden auf die Gesamtzelle.
Weiteres
Abscheidungspotentiale verschiedener Stoffe an verschiedenen Elektrodenmaterialien in einer Kochsalz-Lösung. Blau: Standardelektrodenpotential an Platin-Elektroden bei 25 °C, 101,3 kPa, pH = 7, c = 1 mol/L. Orange: Neues Abscheidungspotential unter Einbeziehung des Überpotentials. 1
Übung: Elektrolyse von Schwefelsäure
- Geben Sie an, welcher der in M3 genannten möglichen Elektrodenreaktionen am Plus- bzw. Minus-Pol ablaufen.
- Berechnen Sie die zugehörigen Abscheidungspotentiale und die zu erwartende Zersetzungsspannung.
- Beurteilen Sie, ob ein Solarzellen-Modul für die Elektrolyse ausreicht.
Elektrolyse von Schwefelsäure
Wasserstoff aus Solarstrom
Überschüssigen Solarstrom nutzen, um grünen Wasserstoff herzustellen.2
Hintergrund
Die Gewinnung von Solar-Wasserstoff ist für unsere moderne Gesellschaft von zentraler Bedeutung, um die Industrie zu dekarbonisieren. Bisher wird Wasserstoff primär aus fossilen Energieträgern wie Erdgas gewonnen, wobei große Mengen CO2 freigesetzt werden. Grüner Wasserstoff hingegen, erzeugt durch die Elektrolyse von Wasser mit Solarstrom, ermöglicht eine klimaneutrale Produktion von Düngemitteln, Stahl und synthetischen Kraftstoffen.
Von besonderer Bedeutung ist die Elektrolyse einer Schwefelsäure der Konzentration c(H2SO4) = 0,5 mol/L. Es ist zu überlegen, ob eine solche Elektrolyse geeignet ist, um Solar-Wasserstoff zu erzeugen. Eine Solarzelle liefert pro Modul eine Spannung von 0,5 V.
- Kann man mit einem Modul eine Elektrolyse betreiben, oder müssen mehrere hintereinandergeschaltet werden, um die notwendige Zersetzungsspannung zu erreichen?
- Welche elektrochemischen Reaktionen laufen an den Elektroden ab und wie groß ist die Zersetzungsspannung unter Einbeziehung der Überspannungen?
Zusatzinformationen
Zusatzinformationen zur Elektrolyse von Schwefelsäure.3
Weitergedacht
- Begründen Sie, ob das Konzept der Abscheidungspotentiale allein auf Elektrolysen beschränkt ist, oder ob es auch für galvanische Zellen gilt.
- Führen Sie den Versuch V1 durch und erklären Sie die Beobachtungen unter Verwendung des Konzepts der Abscheidungspotentiale aus M1.
- Erklären Sie, warum sich elementares Natrium nicht aus einer wässrigen Natriumchlorid-Lösung gewinnen lässt und beschreiben Sie mit M4, wie elementares Natrium stattdessen gewonnen werden kann.
Elektrisches Malen
Materialien
- Schutzbrille
- Filterpapier
-
Bleistiftmine
- Alternativ: Graphitstab
- 2 Experimentierkabel
- 4 Krokodilklemmen
- 9 V Batterie
Chemikalien
-
Natriumchlorid
- Kochsalz
-
0,1 % Phenolphthalein-Lösung
- Enthält Ethanol
- dest. Wasser
Durchführung
- Die Pole einer 9 V Batterie mit Experimentierkabeln durch Krokodilklemmen verbinden.
- Das Filterpapier mit einer wässrigen Natriumchlorid-Lösung, der einige Spritzer Phenolphthalein-Lösung zugegeben wurde, tränken.
- Den Plus-Pol der Batterie mit dem Filterpapier verbinden.
- Den Minus-Pol der Batterie mit der Bleistiftmine (alternativ: Graphitstab) verbinden.
- Die Bleistiftmine über das Filterpapier bewegen.
Aufbau
Experimenteller Aufbau.4
Entsorgen und Aufräumen
-
Das Filterpapier über den Hausmüll entsorgen.
-
Alle verunreinigten Labormaterialien spülen.
-
Alle Materialien an ihren Ursprungsort zurückstellen.
Gewinnung von elementarem Natrium
Wenn elementares Natrium nicht aus einer wässrigen Lösung von Natriumchlorid gewonnen werden kann, lassen wir das Wasser einfach weg.
Weiteres
Ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung der Abscheidungspotentiale ist die Natriumgewinnung: Bei der Elektrolyse einer wässrigen Natriumchlorid-Lösung lässt sich kein elementares Natrium abscheiden, da Wasser ein deutlich günstigeres Abscheidungspotential hat und stattdessen Wasserstoffgas an der Kathode entsteht. Erst durch den Einsatz einer Natriumchlorid-Schmelze – der sogenannten Schmelzflusselektrolyse – kann Natrium gewonnen werden, da kein Wasser als Konkurrenz vorhanden ist. In der Technik übernimmt dies die DOWNS-Zelle, bei der eine Graphitsäule als Anode und ein Eisenring als Kathode in die Salzschmelze eintauchen. Da reines Natriumchlorid erst bei 800 °C schmilzt, werden Calciumchlorid und Bariumchlorid zugesetzt, um die Schmelztemperatur auf ca. 600 °C zu senken.
Weiteres
Schematische Darstellung einer Schmelzflusselektrolyse von Natriumchlorid.5









